Es gehört in Demokratien zu den ehernen Gesetzen des Wahlkampfes, dass jeder Kandidat den Wandel, den Wechsel, die Veränderung in den Mittelpunkt seiner Kampagne stellt - es sei denn, er ist bereits Präsident, Premierminister oder Kanzler und bewirbt sich um eine weitere Amtszeit.
Im amerikanischen Vorwahlkampf ist gerade die Allgegenwart der Beschwörung von change, des großen Wandels, sehr schön zu beobachten. John McCain, der als Präsidentschaftskandidat der Republikaner praktisch feststeht, ist politisch und biographisch so weit von George W. Bush entfernt, wie es für einen halbwegs konsensfähigen republikanischen Kandidaten nur möglich ist.
McCain zählt zu der unter Republikanern selten werdenden Spezies der pragmatischen Politiker mit internationaler Erfahrung, die anders als George Bush keine politische Zwiesprache mit Gott halten, bevor sie die Steuern senken oder in ein fremdes Land einmarschieren.
Bei den Vorwahlen im Jahr 2000 wollten Amerikas Konservative John McCain nicht. Heute wissen auch sie, dass nach acht Jahren Bush kein Republikaner mehr eine echte Chance hat. Bush ist der schlechteste Präsident seit langem - innen- und außenpolitisch, in der Wirtschaft. In der Folge der massenmörderischen Anschläge vom 11. September 2001 führte er Amerika auf üble Irrwege. Die Supermacht, hoch verschuldet und am Rande der Rezession, ist in weiten Teilen der Welt verhasst.
Jede Präsidentschaftswahl ist eine gigantische Schlacht, finanziert mit abermillionen Dollar. Ungefähr alle zwanzig Jahre ergibt sich eine ganz besondere Situation, in der sich der normale Wunsch nach Wechsel zu einer Gier nach Veränderung auswächst. Amerikas Wähler wollen dann mit der Herrschaft des Üblichen und der Macht des Bekannten brechen.
In einer solchen Lage gelangen besondere Kandidaten nach oben - Männer (bisher waren es nur Männer), wie man sie zuvor nicht im Weißen Haus hatte: 1960 ein strahlend junger, katholischer Senator; 1980 ein redegewandter Filmheld mit unverrückbaren Prinzipien. John F. Kennedy und Ronald Reagan verkörperten die Veränderung, groß geschrieben. Sie waren CHANGE.
Es spricht viel dafür, dass 2008 wieder so ein Jahr ist, in dem die große Veränderung durch die Wahl eines besonderen Präsidenten symbolisiert werden wird. Und es spricht immer mehr dafür, dass dies ein charismatischer Multikulturalist sein könnte, einer, der keine Parteien und Rassen mehr kennen will, sondern nur noch Amerikaner. Gewiss, noch ist das Rennen offen und wenig ist sicher. Dennoch: Barack Obama hat erstaunlich gute Chancen, der 44. Präsident der Vereinigten Staaten zu werden.
Obama, der schwarze Hawaiianer aus Chicago mit kenianischen Wurzeln väterlicherseits und hugenottischem Blut mütterlicherseits, hat bereits mehr Delegiertenstimmen gesammelt als Hillary Clinton, die Kandidatin der politischen Klasse und des Washingtoner Anti-Bush-Establishments.
Sollte Clinton am 4.März auch noch die Vorwahlen in Texas und Ohio verlieren, wird es eng werden für die Senatorin. Das ist bitter für sie, denn 2008 ist mutmaßlich ihre einzige Chance, ins Weiße Haus gewählt zu werden. Es ist nicht nur bitter, sondern nachgerade von historischer Ironie, dass im Jahr des möglichen Wandels nicht erstmals eine Frau von der Wechselstimmung profitiert, sondern ein Schwarzer.
Die New York Times hat geschrieben, "firstness", also die Erstmaligkeit, sei für sich genommen noch kein politisches Argument - weder bei Clinton noch bei Obama. Aber das ist falsch, firstness ist ein Argument. Angesichts der US-Geschichte wäre die Präsidentschaft Obamas noch bemerkenswerter als die von Hillary Clinton.
Als Obama ein Kind war, gab es in etlichen Bundesstaaten noch die Rassentrennung. Zwar ist Amerika heute die älteste verfasste Demokratie der Welt, aber es hat auch als letzter der Staaten des Westens mit der Sklaverei gebrochen. Die Wahl Obamas wäre ein kaum zu überschätzendes Symbol der Veränderung.
Der Kandidat und seine Berater wissen das. Obamas Reden sind in erster Linie Beschwörungen der Gemeinsamkeit zwischen Schwarzen, Weißen und Hispanics, zwischen Republikanern, Unabhängigen und Demokraten, zwischen inner cities und dem ländlichen Amerika. Und Obama beruft sich auf die große Vergangenheit, auf Einwanderer und Kriegsgenerationen, auf Siedler und Sklaven. Seine Gemeinsamkeitsrhetorik funktioniert auch deshalb so gut, weil Bush das Land gespalten und grau gemacht hat.
Diesen sich zur Politik fügenden Gefühlen hat Hillary Clinton nicht genug entgegenzusetzen. Die Clintons und ihre Lagerarbeiter werfen Obama vor, dass er nicht konkret werde, zu wenig Erfahrung habe. Darum aber geht es nicht - nicht bei dieser besonderen Wahl und schon gar nicht zu Zeiten der Vorwahlen.
Das Obama-Gefühl ist ein stärkeres Argument als die Clinton-Erfahrung. Weil das so ist, gibt es nicht nur unter Amerikas demokratischen Parteigängern immer mehr, die einen besonderen Traum für ein besonderes Wahljahr haben: Präsident Obama mit einer Vizepräsidentin Clinton - so viel Wandel, so viel firstness, so viel ganz anderes Amerika.
