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Donnerstag, 14. Februar 2008

Das Obama-Gefühl

Es spricht viel dafür, dass das Bedürfnis nach Veränderung in den USA durch die Wahl eines besonderen Präsidenten symbolisiert werden wird. Und das Obama-Gefühl ist ein stärkeres Argument als die Clinton-Erfahrung - denn es könnte das gespaltene Bush-Amerika wieder einen.

Ein Kommentar von Kurt Kister


Es gehört in Demokratien zu den ehernen Gesetzen des Wahlkampfes, dass jeder Kandidat den Wandel, den Wechsel, die Veränderung in den Mittelpunkt seiner Kampagne stellt - es sei denn, er ist bereits Präsident, Premierminister oder Kanzler und bewirbt sich um eine weitere Amtszeit.

Im amerikanischen Vorwahlkampf ist gerade die Allgegenwart der Beschwörung von change, des großen Wandels, sehr schön zu beobachten. John McCain, der als Präsidentschaftskandidat der Republikaner praktisch feststeht, ist politisch und biographisch so weit von George W. Bush entfernt, wie es für einen halbwegs konsensfähigen republikanischen Kandidaten nur möglich ist.

McCain zählt zu der unter Republikanern selten werdenden Spezies der pragmatischen Politiker mit internationaler Erfahrung, die anders als George Bush keine politische Zwiesprache mit Gott halten, bevor sie die Steuern senken oder in ein fremdes Land einmarschieren.

Bei den Vorwahlen im Jahr 2000 wollten Amerikas Konservative John McCain nicht. Heute wissen auch sie, dass nach acht Jahren Bush kein Republikaner mehr eine echte Chance hat. Bush ist der schlechteste Präsident seit langem - innen- und außenpolitisch, in der Wirtschaft. In der Folge der massenmörderischen Anschläge vom 11. September 2001 führte er Amerika auf üble Irrwege. Die Supermacht, hoch verschuldet und am Rande der Rezession, ist in weiten Teilen der Welt verhasst.

Jede Präsidentschaftswahl ist eine gigantische Schlacht, finanziert mit abermillionen Dollar. Ungefähr alle zwanzig Jahre ergibt sich eine ganz besondere Situation, in der sich der normale Wunsch nach Wechsel zu einer Gier nach Veränderung auswächst. Amerikas Wähler wollen dann mit der Herrschaft des Üblichen und der Macht des Bekannten brechen.

In einer solchen Lage gelangen besondere Kandidaten nach oben - Männer (bisher waren es nur Männer), wie man sie zuvor nicht im Weißen Haus hatte: 1960 ein strahlend junger, katholischer Senator; 1980 ein redegewandter Filmheld mit unverrückbaren Prinzipien. John F. Kennedy und Ronald Reagan verkörperten die Veränderung, groß geschrieben. Sie waren CHANGE.

Es spricht viel dafür, dass 2008 wieder so ein Jahr ist, in dem die große Veränderung durch die Wahl eines besonderen Präsidenten symbolisiert werden wird. Und es spricht immer mehr dafür, dass dies ein charismatischer Multikulturalist sein könnte, einer, der keine Parteien und Rassen mehr kennen will, sondern nur noch Amerikaner. Gewiss, noch ist das Rennen offen und wenig ist sicher. Dennoch: Barack Obama hat erstaunlich gute Chancen, der 44. Präsident der Vereinigten Staaten zu werden.

Obama, der schwarze Hawaiianer aus Chicago mit kenianischen Wurzeln väterlicherseits und hugenottischem Blut mütterlicherseits, hat bereits mehr Delegiertenstimmen gesammelt als Hillary Clinton, die Kandidatin der politischen Klasse und des Washingtoner Anti-Bush-Establishments.

Sollte Clinton am 4.März auch noch die Vorwahlen in Texas und Ohio verlieren, wird es eng werden für die Senatorin. Das ist bitter für sie, denn 2008 ist mutmaßlich ihre einzige Chance, ins Weiße Haus gewählt zu werden. Es ist nicht nur bitter, sondern nachgerade von historischer Ironie, dass im Jahr des möglichen Wandels nicht erstmals eine Frau von der Wechselstimmung profitiert, sondern ein Schwarzer.

Die New York Times hat geschrieben, "firstness", also die Erstmaligkeit, sei für sich genommen noch kein politisches Argument - weder bei Clinton noch bei Obama. Aber das ist falsch, firstness ist ein Argument. Angesichts der US-Geschichte wäre die Präsidentschaft Obamas noch bemerkenswerter als die von Hillary Clinton.

Als Obama ein Kind war, gab es in etlichen Bundesstaaten noch die Rassentrennung. Zwar ist Amerika heute die älteste verfasste Demokratie der Welt, aber es hat auch als letzter der Staaten des Westens mit der Sklaverei gebrochen. Die Wahl Obamas wäre ein kaum zu überschätzendes Symbol der Veränderung.

Der Kandidat und seine Berater wissen das. Obamas Reden sind in erster Linie Beschwörungen der Gemeinsamkeit zwischen Schwarzen, Weißen und Hispanics, zwischen Republikanern, Unabhängigen und Demokraten, zwischen inner cities und dem ländlichen Amerika. Und Obama beruft sich auf die große Vergangenheit, auf Einwanderer und Kriegsgenerationen, auf Siedler und Sklaven. Seine Gemeinsamkeitsrhetorik funktioniert auch deshalb so gut, weil Bush das Land gespalten und grau gemacht hat.

Diesen sich zur Politik fügenden Gefühlen hat Hillary Clinton nicht genug entgegenzusetzen. Die Clintons und ihre Lagerarbeiter werfen Obama vor, dass er nicht konkret werde, zu wenig Erfahrung habe. Darum aber geht es nicht - nicht bei dieser besonderen Wahl und schon gar nicht zu Zeiten der Vorwahlen.

Das Obama-Gefühl ist ein stärkeres Argument als die Clinton-Erfahrung. Weil das so ist, gibt es nicht nur unter Amerikas demokratischen Parteigängern immer mehr, die einen besonderen Traum für ein besonderes Wahljahr haben: Präsident Obama mit einer Vizepräsidentin Clinton - so viel Wandel, so viel firstness, so viel ganz anderes Amerika.

(SZ vom 14.02.2008/jkr)

Dienstag, 8. Januar 2008

Gerechtigkeit für Hillary


Von Claus Christian Malzahn

Die Begeisterung für Barack Obama trägt inzwischen irrationale Züge - und hat auch die Gegenseite ergriffen. Der Mann aus Illinois soll erledigen, was die US-Konservativen allein nie schaffen würden: die Clinton-Dynastie zu beenden.

Berlin - Für falschen Beifall kann man nichts. Andererseits gilt: Sage mir, wer dich lobt – und ich sage dir, wer du bist. Da hätten wir zum Beispiel David Brooks, einen der wichtigsten konservativen Essayisten in den USA, der den eher liberalen Lesern der "New York Times" mit seinen kernigen Kolumnen regelmäßig das Frühstück vergällt.

Neuerdings hat er sein Herz für einen führenden Demokraten entdeckt. Barack Obama wäre seiner Ansicht nach ein besserer Präsident als Hillary Clinton, weil er keine "Widersprüche in seiner Vergangenheit" aufweise und von dem "pessimistischen Optimismus" vergangener Jahre gelernt habe. Brooks nennt Obama dabei in einer Reihe mit Abraham Lincoln und Martin Luther King. Wenn aber der Vordenker der amerikanischen Konservativen so viel Lametta über einen Demokraten ausschüttet – dann muss man dahinter keinen plötzlichen Anfall von Philantropie vermuten.

Brooks ist nicht allein im konservativen Obama-Fanclub. Da hätten wir noch George Will, "Washington-Post"-Kolumnist der ersten Garde und bekennender Bewunderer des früheren New Yorker Bürgermeisters und jetzigen republikanischen Präsidentschaftsbewerbers Rudy Giuliani. Will freut sich jetzt schon darauf, dass Barack Obama die Clinton-Epoche gnadenreich beenden werde. Obama sei "erfrischend geistreich", er sei ein lebender Vertreter des "nicht-paranoiden" Politikstils. Obama sei ein Erwachsener, der die echte Welt reformieren wolle und kein Adoleszent, der pseudo-heroische Kämpfe gegen fiktive Bösewichter führe (wie diese ganzen 68er, die im Schlepptau der Clintons nach Washington gekommen sind).

Wahlkampftipps vom Bush-Berater

Um die Truppe endgültig abzurunden gäbe es da noch Karl Rove. Ja, Karl Rove, der ehemalige Chefberater des amtierenden Präsidenten. Anfang Dezember gab er dem Newcomer Obama in der "Financial Times" ein paar wichtige Tipps. Der Frischling aus Illinois müsse unbedingt Iowa gewinnen - und in seinen Attacken auf die ehemalige First Lady viel härter und präziser werden.

Brooks, Will und Rove erhoffen sich von Barack Obama, was sie selbst nie geschafft haben. Es geht nicht nur darum, die verhasste Clinton-Dynastie zu entmachten, sondern die noch immer gültigen Bezugspunkte amerikanischer Politik zu den Umbrüchen von 1968, zum Vietnam-Desaster und zur Watergate-Katastrophe, für immer aus der aktuellen Politik zu tilgen. Den amerikanischen Konservativen ist das trotz Whitewater und Lewinsky-Affäre nie ganz gelungen. Nun hoffen sie darauf, dass Barack Obama dieses Geschäft für sie besorgt. Wenn Obama die Vorwahlen gewonnen hat, werden seine neuen Freunde vermutlich über ihn herfallen - und ihm mangelnden Patriotismus wegen seiner kritischen Haltung zum Irak-Krieg vorwerfen.

Es ist geradezu unglaublich: Barack Obama hat es geschafft, diese Wahl, die eine Anti-Bush-Wahl werden sollte, in eine Anti-Clinton-Wahl zu verwandeln. Vielleicht war das gar nicht seine Absicht, aber es ist passiert. Es geht nicht darum, Obamas Anliegen zu verteufeln oder ihn in eine Verschwörungskiste mit führenden Konservativen zu stecken. Und natürlich wäre es eine historische Zäsur, wenn ein Schwarzer ins Weiße Haus ziehen würde. Dasselbe gilt natürlich für den Fall, wenn eine Frau im Oval Office als Chefin ihre Koffer auspackt.

Obamas Aufstieg hat jedenfalls einen hohen Preis – die Rechnung werden die Demokraten noch bekommen. Denn der Mann aus Illinois präsentiert sich immer mehr als Kandidat einer imaginären Independent-Bewegung, eine politische Verankerung auf dem Boden der Demokratischen Partei ist nicht erkennbar – da finden sich nur Luftwurzeln.

Polemik gegen das "kaputte System"

Obamas Strategie bestand bisher darin, vom Konkreten ins Allgemeine zu flüchten – und alles, was vor ihm geschah, zu verdächtiger politischer Prähistorie zu erklären. Für Obama gibt es nicht etwa acht Jahre Bill Clinton (Kampf für Chancengleichheit, staatliche Entschuldung und militärische Intervention bei Genozidgefahr) und anschließend acht Jahre George W. Bush (zwei grotesk vorbereitete Kriege in Afghanistan und Irak, die drohende Wirtschaftskrise).

Für Obama gibt es einfach nur 16 Jahre "Washington-Kultur", das "kaputte System" der US-Hauptstadt. Die Wunde in Washington "eitert" schon länger als die Ära Bush, ruft Obama in die Menge – was für ein unglaublicher Revisionismus, der von manchen Demokraten sogar noch beklatscht wird. John Edwards, möglicherweise bald Vizepräsidentenkandidat neben Obama, sekundiert beim Clinton-Bashing fleißig: Hillary stehe für "Status Quo". Immerhin: Vor nicht allzu langer Zeit verhalf sie einem jungen, talentierten schwarzen Rechtsanwalt aus Illinois zu einem Senatorenposten im US-Kongress. Dass dieser junge Mann kaum zwei Jahre später eine Kampfkandidatur gegen seine Ziehmutter ankündigen würde, hat sie wohl in ihren schlimmsten Alpträumen nicht geahnt.

Obama kritisiert Bill Clinton gern für dessen Kompromissbereitschaft - dabei biedert sich der Senator schon jetzt unverhohlen den Republikanern an. Dick Cheneys Energiegesetz fand seine Zustimmung, die Mehrheit der Demokraten lehnte ab. Man kann das Wahltaktik nennen, um die Mitte zu gewinnen - oder Opportunismus.

Abrechnung mit den 68ern

In Europa, vor allem in Deutschland, hat sich das Gerücht verbreitet, der Mann sei ein Linker. Welch ein Irrtum! Während Hillary Clinton ein solides Gesundheitsprogramm nach europäischem Vorbild aufgelegt hat und es auch jedem erklären könnte, flutscht Obama bei harten Themen weg wie nasse Seife. Kriegt man ihn dann doch zu packen, stellt man ernüchtert fest: Der Mann steht in dieser Frage, die für die Zukunftsaussichten des kleinen Mannes in Amerika vermutlich wichtiger ist als der Truppenabzug aus Bagdad – rechts vom Mormonen und Republikaneraspiranten Mitt Romney. Die Gesundheitsreform war das zentrale innenpolitische Anliegen der Demokratischen Partei. Barack Obama wird es ohne Not beerdigen.

Kein Wunder, dass Mrs. Clinton die Tränen in die Augen steigen. Hat man je Jimmy Carter, Ronald Reagan, George Bush oder Bill Clinton an ihrer "Gefühlskälte" gemessen? Was für eine politische Kategorie ist das eigentlich? Solche Fragen muss sich wohl nur eine Frau gefallen lassen.

Die Kandidatin steckt in der Emotionsfalle: Was sie macht, macht sie falsch. Hillary klingt bemüht, Obama bedeutungsschwanger. Sie spricht von Problemen, die man lösen muss, bei ihm löst sich alles in Wohlgefallen auf. Er strahlt, die Frauen lieben ihn. Sie ringt sich ein Lächeln ab; was sie wirklich weiß, will niemand wissen. Dass jemand mit einem Null-ouvert-Programm durch die Vorwahlen segelt, darauf war sie nicht eingestellt. Die Demokraten offenbar auch nicht. Die neuesten Umfragen vermitteln den Eindruck, Gods own country liegt im politischen Dornröschenschlaf und träumt vom Ende der Geschichte. Aber Barack Obama, so integer seine persönlichen Absichten sein mögen, spielt hier nicht die Rolle des edlen Prinzen - sondern die des Sandmanns.

Quelle: Spiegel Online, 8. Januar 2008