Freitag, 4. Januar 2008

Wie US-Wähler wirklich ticken

IOWA-ANALYSE


Von Frederike Freiburg und Björn Hengst
Wechsel, Wechsel, Wechsel. Danach suchten die Bürger in Iowa, bei Barack Obama wurden sie fündig. Die Analyse der Vorwahl fördert Erstaunliches zu Tage: dass Hillary Clinton bei Frauen nicht gut ankam - und Erfahrung für Demokraten wie Republikaner überraschend unwichtig ist.

Hamburg - Es ist ein kurzes Wort, das für die Wähler der Demokraten in Iowa den Ausschlag gab - ein kurzes Wort, das schwer wiegt: Change. Wechsel.
Der Wunsch nach einem politischen Wechsel war beim Caucus der Demokraten das wichtigste Kriterium für die Wahlentscheidung. Mehr als die Hälfte der Wähler (52 Prozent) gab an, dass ihnen bei den Kandidaten nichts wichtiger sei als die Verkörperung des Wechsels - und in dieser Frage gab es einen klaren Sieger: Barack Obama. 51 Prozent der "Wechsel"-Wähler stimmten für den jugendlich wirkenden 46-jährigen Senator, nur 19 Prozent bevorzugten laut einer CNN-Analyse seine 60-jährige Konkurrentin Hillary Clinton.
Politische Erfahrung dagegen, eine Eigenschaft, mit der Clinton im Wahlkampf zu punkten versucht, spielte keine große Rolle. Nur 20 Prozent sagten, dies sei die wichtigste Eigenschaft für einen Präsidentschaftskandidaten.

Die größte Überraschung: Clinton, einzige Frau in der Riege der Präsidentschaftsbewerber, konnte viel weniger bei den Wählerinnen punkten als zuvor erwartet. Eigentlich gingen die Experten davon aus, dass weibliche Wähler vor allem für Clinton stimmen werden, um sie auf ihrem Weg zur ersten Präsidentin der USA zu unterstützen. Die Mehrheit der Frauen entschied sich aber für Obama - er erhielt 35 Prozent der weiblichen Wählerstimmen, Clinton nur 30 Prozent.

Obama schnitt außerdem bei den jungen Wählern deutlich besser ab als seine Konkurrentin. 57 Prozent der 17- bis 29-Jährigen stimmten für den schwarzen Senator, nur 11 Prozent für Clinton. Auch in der Gruppe der 30- bis 44-Jährigen liegt Obama klar vorn: Dort stimmten 42 Prozent für ihn und 23 Prozent für Clinton. Allein bei älteren Wählern ab 65 liegt Clinton vor ihrem Herausforderer: 45 Prozent stimmten für Clinton, 18 Prozent für Obama.

Der 46-jährige Senator hatte außerdem in allen sozialen Schichten den meisten Rückhalt: Gutverdiener (mehr als 100.000 Dollar) gaben Obama ebenso klar den Vorzug wie Wähler mit mittlerem Einkommen (50.000 Dollar) oder niedrigem Gehalt (unter 15.000 Dollar).

Auch in den Städten und Vorstädten war Obama der Gewinner, in ländlichen Gebieten lag Clinton dagegen mit zwei Prozentpunkten vor Obama.

Bei vielen für die Wähler wichtigen Themen schnitt Obama besser ab als Clinton: 36 Prozent der Wähler, die Wirtschaftfragen für bedeutsam erachteten, stimmten für Obama - 26 Prozent für Clinton. Ähnlich sah es beim Themenkomplex Irak-Krieg aus (35 Prozent für Obama, 26 Prozent für Clinton). Selbst beim Thema Gesundheitspolitik gaben die Wähler Obama den Vorzug. Der Senator erhielt 34 Prozent der Stimmen, Clinton lediglich 30 Prozent - dabei ist das Thema eigentlich ihre Domäne, sie hat schon während der Präsidentschaft ihres Mannes Bill Pläne für eine Gesundheitsreform entwickelt.

Bei den Republikanern entschieden zwei Wählergruppen den Caucus: Frauen und konservative Christen. Der einstige Baptistenprediger Mike Huckabee gewann die Vorwahlen vor allem durch deren Unterstützung. 40 Prozent der republikanischen Wählerinnen gaben dem Ex-Gouverneur von Arkansas laut der repräsentativen CNN-Umfrage ihre Stimme. Äußerungen, Frauen sollten sich ihren Männern unterordnen, haben ihm offenbar nicht geschadet. Huckabees stärkster Konkurrent, Mitt Romney, bekam nur 24 Prozent der Frauenstimmen.

Und auch bei der traditionell republikanischen Klientel, gläubigen Christen und Konservativen, hängte Huckabee den CNN-Angaben zufolge seinen Mitbewerber ab. Fast 90 Prozent der republikanischen Wähler bezeichnen sich als "sehr konservativ" oder "konservativ". In beiden Kategorien stimmte mehr als ein Drittel für Huckabee. 60 Prozent gaben an, evangelikale Christen zu sein. Von dieser Gruppe wählten Huckabee 46 Prozent. Die religiöse Überzeugung des Kandidaten hielten zwei Drittel der Wähler für wichtig - und auch hier siegte Huckabee über den Mormonen Romney. Eine bestimmte Altersgruppe, die Huckabee unterstützt, lässt sich nicht ausmachen: Selbst die Jüngsten (17 bis 29 Jahre) ziehen ihn mit 40 Prozent den übrigen Bewerbern vor.

Huckabee bescheinigen laut CNN 33 Prozent der 1600 Befragten Glaubwürdigkeit und dass er sagt, was er denkt - diese Qualität findet ein Drittel der Republikaner ausschlaggebend. 44 Prozent glauben, er teile ihre Werte - diese Eigenschaft ist sogar fast der Hälfte aller Befragten wichtig.

Politische Erfahrung und Erfolgschancen in den Präsidentschaftswahlen werden mehrheitlich Mitt Romney zugeschrieben - doch nur 14 beziehungsweise 7 Prozent halten dies für wichtig.

Wer besonders große Wut auf die Regierung Bush empfindet, hat sich der Analyse zufolge für Ron Paul entschieden - der allerdings mit nur zehn Prozent der Stimmen weit abgeschlagen auf dem fünften Platz landete. Außerdem sind nur fünf Prozent der Befragten wütend. Die restlichen sind "begeistert" (20 Prozent), "zufrieden" (48) oder auch "unzufrieden" (26), auf jeden Fall gaben sie ihre Stimme mehrheitlich Huckabee.

Thematisch liegen den Wählern illegale Einwanderung (33 Prozent), Wirtschaft (26), der Kampf gegen den Terror (21) und der Irak-Krieg (17) am Herzen - und in allen vier Bereichen trauen die Wähler Huckabee am meisten zu. "Die Leute wählen lieber jemanden zum Präsidenten, der ihr Kollege sein könnte - und nicht jemanden, der sie entlassen würde", hatte Huckabee noch gestern bei einem Last-Minute-Wahlkampfauftritt gesagt. Eine Anspielung auf Romney, der früher als Manager gearbeitet hat.

Huckabees Erfolgsrezept scheint einfach: Eine Mischung aus Humor, christlichem Konservativismus und ökonomischem Populismus hat ihm laut "New York Times" zum Sieg verholfen. Bei seinen Anhängern bedankte er sich mit den Worten: "Heute Abend haben wir bewiesen, dass amerikanische Politik noch immer in den Händen von ganz normalen Leuten wie euch liegt."